Fünf Jahre StaRUG: Was sich in der Praxis bewährt hat
Das Restrukturierungsgesetz sollte Sanierungen ohne Insolvenzverfahren ermöglichen. Eine Bilanz aus unseren Verfahren – und wann das StaRUG das falsche Werkzeug ist.
Entwicklungen im Insolvenz- und Sanierungsrecht – und Neuigkeiten aus der Kanzlei.
Das Restrukturierungsgesetz sollte Sanierungen ohne Insolvenzverfahren ermöglichen. Eine Bilanz aus unseren Verfahren – und wann das StaRUG das falsche Werkzeug ist.
Nicolas Niemann und Moritz Hennig zählen zu „Deutschlands besten Anwälten“, Dr. David Hermann wird als „One to Watch“ geführt.
Wer Gehälter im vorläufigen Verfahren sichern will, muss die Vorfinanzierung in der ersten Woche organisieren. Was dabei häufig schiefgeht.
Welche Zahlungen nach Insolvenzreife noch zulässig sind – und warum die Rechtsprechung zunehmend auf die Nachweise der Geschäftsleitung abstellt.
Als das Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz am 1. Januar 2021 in Kraft trat, war die Erwartung groß: ein Sanierungsverfahren ohne Insolvenzmakel, in dem das Unternehmen selbst den Plan schreibt und einzelne blockierende Gläubiger überstimmt werden können. Fünf Jahre später lässt sich sagen, wo das Instrument hält, was es versprochen hat – und wo nicht.
Bewährt hat sich der Restrukturierungsplan vor allem in Fällen mit einer überschaubaren Zahl von Finanzgläubigern. Typisch ist ein Unternehmen mit drei bis sechs Banken oder Anleihegläubigern, von denen einer die außergerichtliche Einigung blockiert. Über die gruppenübergreifende Mehrheitsentscheidung nach § 26 StaRUG lässt sich dieser Widerstand überwinden, wenn die Planung tragfähig ist. In zwei unserer Verfahren wurde der Plan innerhalb von zehn Wochen nach Anzeige beim Restrukturierungsgericht bestätigt.
Ebenfalls hilfreich ist die Stabilisierungsanordnung nach § 49 StaRUG: Vollstreckungs- und Verwertungssperren für bis zu drei Monate verschaffen die Zeit, die Verhandlungen brauchen – ohne dass ein Insolvenzantrag gestellt werden muss.
Weniger geeignet ist das StaRUG, wenn operative Maßnahmen im Vordergrund stehen. Arbeitnehmerforderungen können nicht in den Plan einbezogen werden (§ 4 StaRUG), Kündigungsschutz und Sozialplanpflichten bleiben unverändert. Wer Personal abbauen oder Standorte schließen muss, hat in der Eigenverwaltung mit ihren arbeitsrechtlichen Erleichterungen das stärkere Werkzeug. Auch Dauerschuldverhältnisse – etwa ungünstige Mietverträge – lassen sich im StaRUG nicht beenden, wohl aber im Insolvenzverfahren nach § 109 InsO.
Hinzu kommt die Zugangsvoraussetzung: Das StaRUG steht nur bei drohender Zahlungsunfähigkeit offen. Ist die Zahlungsunfähigkeit bereits eingetreten, bleibt nur der Insolvenzantrag. Viele Unternehmen kommen zu spät.
Lassen Sie beide Wege parallel prüfen, sobald eine drohende Zahlungsunfähigkeit erkennbar wird. Entscheidend ist eine belastbare Liquiditätsplanung über 24 Monate, die Gericht und Gläubigergruppen nachvollziehen können. Sie ist die Grundlage für den Restrukturierungsplan – und zugleich das Dokument, mit dem Sie im Zweifel eine Eigenverwaltung nach § 270a InsO beantragen.
Das Handelsblatt hat am 18. Juni 2026 in Kooperation mit dem US-Verlag Best Lawyers die Auswahl „Deutschlands beste Anwälte 2026“ veröffentlicht. Im Rechtsgebiet Insolvenz und Restrukturierung werden Nicolas Niemann und Moritz Hennig geführt. Dr. David Hermann wird in der Kategorie „Ones to Watch – Anwälte der Zukunft“ genannt, mit der Best Lawyers Anwältinnen und Anwälte in den ersten Berufsjahren auszeichnet.
Die Liste beruht ausschließlich auf Empfehlungen anderer Anwältinnen und Anwälte. Best Lawyers befragt jährlich mehrere tausend Juristen, wen sie einem Mandanten empfehlen würden, wenn sie ihn selbst nicht vertreten könnten. Eigenbewerbungen oder Anzeigen spielen keine Rolle. Genannt wird, wer in seinem Fachgebiet von Kolleginnen und Kollegen – häufig von der Gegenseite – wiederholt empfohlen wurde.
Für uns hat das Gewicht: In Insolvenzverfahren sitzen wir regelmäßig Anwälten gegenüber, die Gläubiger, Gesellschafter oder Investoren vertreten. Wenn diese Kolleginnen und Kollegen uns empfehlen, sagt das etwas über die Art aus, wie wir Verfahren führen.
Bereits im vergangenen Jahr hatte das Wirtschaftsmagazin brand eins uns in seiner Untersuchung „Beste Wirtschaftskanzleien 2025“ im Bereich Insolvenz und Restrukturierung aufgenommen. Grundlage waren Befragungen von Unternehmensjuristen und Kanzleien.
Wir bedanken uns bei allen, die uns empfohlen haben – und bei unseren Mandanten, deren Verfahren die Grundlage dafür sind. Beide Auszeichnungen finden Sie auf unserer Startseite unter Auszeichnungen und Mitgliedschaften.
Das Insolvenzgeld nach §§ 165 ff. SGB III deckt die ausstehenden Nettogehälter der letzten drei Monate vor Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Die Bundesagentur für Arbeit zahlt es allerdings erst nach Eröffnung aus – für die Beschäftigten hieße das, zwei bis drei Monate ohne Gehalt auszukommen. Genau das verhindert die Vorfinanzierung.
Der vorläufige Insolvenzverwalter beantragt bei der Agentur für Arbeit die Zustimmung zur Vorfinanzierung (§ 170 Abs. 4 SGB III). Voraussetzung ist, dass durch die Fortführung des Betriebs ein erheblicher Teil der Arbeitsplätze erhalten bleibt. Mit der Zustimmung kauft eine Bank die Insolvenzgeldansprüche der Beschäftigten an und zahlt die Nettogehälter zum üblichen Termin aus. Nach Eröffnung erstattet die Agentur den Betrag an die Bank.
Der Ablauf im Zeitplan: Antragstellung beim Insolvenzgericht am Tag 1, Bestellung des vorläufigen Verwalters am Tag 1 oder 2, Belegschaftsversammlung und Abtretungserklärungen der Beschäftigten bis Tag 5, Zustimmung der Agentur für Arbeit bis Tag 8, erste Auszahlung durch die Bank zum nächsten Gehaltstermin.
Erstens: Der Antrag wird zu spät gestellt. Läuft ein Gehaltstermin ab, bevor die Vorfinanzierung steht, kündigen die ersten Leistungsträger. Zweitens: Unvollständige Abtretungserklärungen. Fehlen Unterschriften einzelner Beschäftigter, muss die Bank diese aussparen – und die Betroffenen warten. Drittens: Die Drei-Monats-Frist wird falsch berechnet. Das Insolvenzgeld deckt die letzten drei Monate vor Eröffnung, nicht vor Antragstellung. Wer das Verfahren unnötig lange im Antragsstadium hält, verschenkt Deckung.
Viertens: Beschäftigte, die im Insolvenzgeldzeitraum ausscheiden, werden vergessen. Auch sie haben Anspruch, müssen aber gesondert beantragen.
Wenn Sie erkennen, dass die nächsten Gehälter nicht mehr gezahlt werden können, ist die Vorfinanzierung ein Grund, den Antrag früher statt später zu stellen. Sprechen Sie uns an, bevor der Gehaltstermin verstreicht – wir bereiten Antrag, Belegschaftsinformation und Abtretungserklärungen vor, damit die erste Woche sitzt.
Nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung dürfen Geschäftsführer nur noch Zahlungen leisten, die mit der Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Geschäftsleiters vereinbar sind (§ 15b Abs. 1 InsO). Alle anderen Zahlungen müssen sie der Masse persönlich erstatten. In der Praxis ist dies der häufigste Haftungsgrund, mit dem Insolvenzverwalter an ehemalige Geschäftsführer herantreten – die Beträge liegen regelmäßig im sechsstelligen Bereich.
Zulässig bleiben nach § 15b Abs. 2 InsO Zahlungen, die im ordnungsgemäßen Geschäftsgang erfolgen und der Aufrechterhaltung des Betriebs dienen – insbesondere, solange innerhalb der Antragsfrist Maßnahmen zur nachhaltigen Beseitigung der Insolvenzreife oder zur Vorbereitung eines Insolvenzantrags betrieben werden. Gehälter, Energie, Rohstoffe für laufende Aufträge und Sozialversicherungsbeiträge sind typischerweise privilegiert. Die Tilgung eines Altkredits oder die Zahlung an einen drängenden Lieferanten für längst gelieferte Ware in der Regel nicht.
Der Bundesgerichtshof verlangt, dass der Geschäftsführer darlegt und beweist, dass eine Zahlung privilegiert war (BGH, Urteil vom 18. November 2020 – II ZR 51/20, fortgeführt unter § 15b InsO). Wer Jahre später vor Gericht steht, muss nachweisen können, welche Sanierungsbemühungen zu welchem Zeitpunkt liefen und warum eine konkrete Zahlung dem Betriebserhalt diente. Ohne zeitnahe Aufzeichnungen ist das kaum möglich.
Wir raten Geschäftsführern in der Krise zu einem einfachen Krisentagebuch: Tägliche Liquiditätsübersicht, Liste aller geleisteten Zahlungen mit Begründung, Protokolle der Gespräche mit Banken, Beratern und Gesellschaftern, Datum jeder Entscheidung. Diese Unterlagen sind später die einzige Verteidigung.
Die Antragsfrist beträgt drei Wochen ab Zahlungsunfähigkeit und sechs Wochen ab Überschuldung (§ 15a Abs. 1 InsO). Sie ist eine Höchstfrist: Wer erkennt, dass eine Sanierung innerhalb der Frist nicht gelingen wird, muss sofort stellen. Die Frist darf nicht zum Abwarten genutzt werden.
Wenn Sie als Geschäftsführer mit einem Anspruch nach § 15b InsO konfrontiert werden, prüfen wir die Berechnung des Verwalters, die tatsächliche Insolvenzreife und die Privilegierung einzelner Zahlungen. In vielen Fällen lässt sich der Anspruch erheblich reduzieren – vorausgesetzt, die Unterlagen sind vorhanden.
Wir ordnen gern ein, was eine Entwicklung für Ihre Situation bedeutet.